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Letztes Jahr im November haben wir uns für den Traildorado angemeldet. Das ist eine 24 Stunden Trailrunning-Party auf einem Rundkurs von ca. 4 km und 130 Höhenmetern. Meine Uhr sagte mir zwar mehr, aber das wurde auch direkt beim Briefing erklärt, dass jede Uhr andere Daten liefert und somit ein Mittelwert genommen wurde. Aber im Prinzip ist es auch egal, man musst die Anstiege so und so hoch…aber dazu später mehr.
Bei der Anmeldung habe ich noch gesagt, mal sehen, wie die Saison läuft, entweder ich laufe durch und sehe, wie weit ich komme oder genieße einfach die Party am Lagerfeuer, das im Vorfeld hoch gelobte Essen an der Verpflegungsstation und halte, wenn gewünscht, einen Vortrag über unseren Start bei „The Track“  Australien.
Nach dem TAR bis Ende Dezember bin ich kaum paar Kilometer gelaufen und im Januar/Februar wirklich absolut nicht. Die Achillessehne wollte einfach nicht besser werden. Viel Physio, täglich Yoga, dehnen, rollen, Ernährungsumstellung…haben es dann möglich gemacht, dass ich Anfang März die ersten Meter wieder schmerzfrei laufen konnte. Und dann kam Corona. Läuferisch für mich eigentlich ganz super, da ich für die Wettkämpfe sowieso noch nicht fit war. Also war die Entscheidung dann irgendwann klar, der Traildorado wird durchgelaufen und Saisonhöhepunkt…alles oder nichts.
Die letzten zwei drei Wochen vorher habe ich mich dann ziemlich intensiv mit der Strecke und den Ergebnissen aus dem Vorjahr beschäftigt. Und so stand mein Rundenziel schnell fest. Es sollten 30 Runden werden, wenn alles optimal läuft und der Körper ohne Verletzungen, Komplikationen mitmacht. Den Zieleinlauf im Kopf visualisiert, eine kleine Kastanie, welche mir beim letzten Trainingslauf vor die Füße gefallen ist, als Glücksbringer im Rucksack, ging es mit der Bahn nach Arnsberg. Ich hatte massenhaft Wechselsachen im Gepäck, da die WetterApp anfangs Dauerregen angezeigt hat.
Am Freitag sind wir dann die Strecke schon mal abgewandert. Und es war klar, es wird hart. Die Anstiege haben es ganz schön in sich und immer und immer wieder hoch. Ein Stück schön verwurzelt und eng…das wird lustig in der Nacht mit Stirnlampe und schon vielen Stunden auf den Beinen. Ansonsten eben eine schöne Strecke durch den Wald. Nichts Besonderes, wäre eine schöne Trainingsstrecke für kürzere Trainingseinheiten. Wie sagte Michele Ufer beim Briefing so schön, wir sind nicht wegen der genialen Strecke, tollen Aussichten und Landschaft hier, sondern wegen dem Event, der Party. Genau das trifft es perfekt. Michele und sein Team haben ein unvergessliches Event auf die Beine gestellt und unter Coronabedingungen zum Glück durchführbar gemacht. Alles war super und liebevoll organisiert, es hat an nichts gefehlt. Man merkt, dass alle Helfer mit viel Herzblut dahinterstecken. Ganz herzlichen Dank dafür.
Am Freitag haben wir die ersten Bekannten getroffen und andere FB-Bekannte persönlich kennengelernt. Wenn auch mit Maske und manchmal den Einen oder Anderen erst nicht erkannt, das Wiedersehen oder kennenlernen war einfach schön. Da es am Samstag erst 12 Uhr an den Start ging, brauchten wir auch nicht so zeitig zu Bett und konnten noch gemütlich quatschen.
Am Samstag dann das Briefing und los ging es Richtung Startlinie. Für den Traildorado wurde von Andy Jones ein eigenes Lied komponiert und erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Dann ging es an den Start, noch das legändere Eröffnungslied „I like to move it move it! gerockt und los ging es. Die erste Runde wird von allen gemeinsam gelaufen vorneweg Michele. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Beine schwer sind. Gedanken gingen durch den Kopf. Aber eigentlich kenne ich die schweren Beine zu Beginn schon. Nach der ersten Runde hieß es dann Feuer frei und die ambitionierten Läufer und die Staffelläufer stürzten los. Gunnar noch kurz viel Glück gewünscht und unsere Wege trennten sich. In der dritten Runde lief es dann rund und ich überlegte mir die endgültige Rennstrategie.
Da ich mein Tailwind in der Trinkblase dabeihatte, wollte ich immer 5 Runden laufen und dann die Verpflegung ansteuern. Für diese Zeit sollte ich also ausreichend versorgt sein und ich hatte immer ein gutes Teilziel im Auge. Es fühlte sich auch wirklich richtig perfekt an. Ziemlich zu Beginn der Strecke musste man den ersten steilen Anstieg hoch. Oder als Alternative paar Meter länger dafür aber nicht so steil…genannt die Pussy-Lane. Die ersten zwei Runden bin ich steil hoch. Meine Waden fanden es nicht ganz so toll. In der dritten Runde dann die Alternative probiert. Die war schon angenehmer und man hat nicht so viel Zeit durch die paar Meter mehr verloren. In der vierten Runde stand der Fotograf genau an dieser Stelle und a) wollte ich mir die Blöße nicht geben und b) war bis dahin auch noch der Plan immer abwechselnd einmal so und einmal so nach oben. Ab Runde 5 bin ich dann allerdings nur noch eine Pussy gewesen😉 Die Waden haben es mir gedankt und der Tag war ja noch lang. Nach dem Anstieg ging es dann noch ein Stück weiter nach oben und dort ein Schild mit dem Motivator. Michele ist eben ein Mentalcoach durch und durch. Er meinte noch beim Briefing, wenn es regnet…er lächelt, wenn es euch schlecht geht…er lächelt…lächelt einfach zurück.
Und das habe ich gemacht, habe mit ihm gesprochen und in der letzten Runde habe ich mich tatsächlich von ihm verabschiedet. Jetzt ging es mehr oder weniger flach auf einem schönen Waldweg weiter, mal etwas hoch und runter um uns anschießend auf einem schmalen verwurzelten Trail durch den Wald zu führen. Hier hatte ich vor der Nacht meinen Respekt, wenn man müde und mit Stirnlampe vielleicht doch nicht mehr so aufmerksam ist. Das Problem war allerdings viel später ein ganz anderes. Anschließend ging es den zweiten Anstieg hoch, um dann erst auf einem etwas verwurzelten aber breiten Weg abwärts auf ein Stück Waldautobahn zu gelangen. Ein Wanderweg am Waldesrand an dessen Ende viele Läufer mit Camper ihr Verpflegungsstation aufgeschlagen haben, noch ein Stück bergab Richtung Start und Ziel. Hier hörte man schon von weiten die gute Stimmung. An die Blackbox musste man Runde für Runde seinen Chip anhalten, so wurden Runden und Zeit gezählt. Die Blackbox gab immer schöne Kommentare von sich, wie: „Das Wetter macht dir wohl nichts aus?“…auch mit der habe ich Runde für Runde geredet.
Oh Gott…was Laufen im Kreis mit einem so alles macht😊 Ich habe auch kaum noch ein Zeitgefühl, wann was war. Ich weiß, ich habe die ersten 20 Runden an meiner Taktik festgehalten, aller 5 Runden an die Verpflegung zu gehen. Das hat wirklich super funktioniert. Ich wollte, so viele Runden wie möglich im hellen laufen. Naja, für meine Verhältnisse hat das auch funktioniert. Es hat am Nachmittag angefangen zu Regnen und ich glaube gegen 18 Uhr wieder aufgehört. Damit hatte ich erstaunlicherweise absolut kein Problem. Irgendwann habe ich in der Ferne im Basecamp Gunnar gesehen und dachte noch, er wird mich sowieso gleich überholen, also brauchst du nicht warten. Aber irgendwie kam er nicht. Gegen 20 Uhr stand er dann auf einmal aber vor mir im Basecamp und hat gegessen. Da habe ich mir dann auch eine Portion Nudeln genommen, haben ihm noch den Zimmerschlüssel gegeben, er wollte sich nur umziehen und ich bin wieder weiter. Aber Gunnar überholte mich nicht mehr. Nach paar Runden hätte er das eigentlich wieder tun sollen. Dafür kreiste ein Hubschrauber über Arnsberg. Ich bekam richtig Panik, schaute dann auch bei den Sanitätern nach…kein Gunnar…ich war erst einmal beruhigt, dass ihm scheinbar nichts passiert ist, aber wo war er? Dann die erleichternde Nachricht von Lutz Kalitzsch, Gunnar ist nicht mehr warm geworden und hat sich schlafen gelegt. Jetzt war klar, ich muss wirklich alleine durch die Nacht. Aber ich wusste auch, dass ich die mentale Stärke habe. Ich kannte es von Australien. Ich hatte das Ziel genau vor Augen und den starken Willen. Noch dazu habe ich mich allmählich auf den Platz drei in der Gesamtwertung der Frauen vorgearbeitet. Ab Runde 22 wurde es dann zwar gefühlt immer schwerer, ich war auch öfters an der Verpflegung, habe warmen Tee und Gemüsebrühe getrunken, Kleinigkeiten gegessen, allerdings wirklich nur das was ich auch vertrage, die Atmosphäre genossen und bin wieder losgetrabt. Rechnen konnte ich nicht mehr wirklich. Nach 15 Stunden dachte ich es ist um 5 Uhr und es wird bald hell…da war es gerade mal 3 Uhr. Mit der Dunkelheit hatte ich absolut kein Problem, im Gegenteil. Auch wenn man die Strecke ja nun schon in und auswendig kannte, war es im dunklen gefühlt einfacher den Berg hoch zu gehen, da man ja die Steigung nicht sieht. Es ist wirklich so vieles reine Kopfsache. Mein größtes Problem waren riesige Blasen unter den Füßen. Auf dem verwurzelten Stück merkte ich richtig, wie ich auf diesen hin und her schwamm und wie groß die sein müssen. Da hat schon jeder Schritt wehgetan und ich habe ziemlich gejammert. Danach habe ich meine Füße im Schuh wieder zurecht geruckelt und die Blasen an ihre Stelle und weiter ging es.
In den langen Nachtstunden habe ich oft an die letzten Worte meiner Mama gedacht. Sie ist genau vor zwei Jahren gestorben. Diese Worte bedeuten mir so viel und geben mir so viel Kraft. Ich habe an Claude Nilles gedacht, mit dem wir letztes Jahr in Australien gelaufen sind und vor wenigen Tagen den Kampf gegen den Krebs verloren hat….Ruhe in Frieden lieber Claude!  Ich denke an Andrea Löw , die gerade 100 km durch die Wüste in Tunesien läuft. Ich denke an meinen Sohn Vincent Schwieck als kleiner Junge, der durch den Pool schwimmt mit den Worten: „Ich schaffe das!“ Ich denke an meine Affirmation aus einer Yoga-Stunde: Mit Kraft und starken Kopf den Traildorado finishen. Und so wird es allmählich hell, es kommen wieder mehr Läufer auf die Strecke und ich habe noch immer Platz drei bei den Frauen. Manche Frauen, die zügig an mir vorbei liefen sprach ich an, um herauszubekommen, ob sie mir meinen Platz streitig machen könnten. Natürlich nie direkt😉 Auch Gunnar tauchte dann irgendwann wieder auf. Die Runde selbst lief er zwar schneller als ich, wartete aber im Start/Zielbereich auf mich und gab mir Informationen zu meiner Verfolgerin. Rechnen konnte ich jetzt selbst überhaupt nicht mehr. Aber schnell wurde dann klar, wenn ich den Platz nicht kampflos hergeben wollte, müssen mindestens 32 Runden her. Also war nach der 30 Runde noch nicht Schluss, der Kopf musste umprogrammiert werden und es war wirklich hart. Aber zwei Runden mussten noch her, zur Not wandernd. Und es war ja schließlich auch ein 24 Stunden und kein 22 Stunden-Lauf. Die Anstiege gefühlt hochgekrochen, runter gelaufen, über die Wurzeln geflucht, den Motivator verabschiedet und die letzten Meter weinend vor Freude und Erschöpfung ins Ziel. So wie ich es mir vorgestellt hatte, war es nicht weder springend durchs Ziel noch auf den Boden knieend…nein, ich hätte die Blackbox vor Freude umarmen können. Jetzt war auch klar, den dritten Platz kann mir niemand mehr nehmen. Jetzt musste alles ziemlich schnell gehen, etwas essen, Sachen zusammensuchen, duschen, für die Siegerehrung vorbereiten, Tasche packen, Zimmer reinigen und ab zum Bus und Bahnhof. Für mich war es einfach ein perfekter Lauf, es hat alles gepasst. Ich bin überglücklich und unsagbar dankbar, dass mein Körper diese Leistung mitgemacht hat.
Ein ganz großes Dankeschön geht an Michele und sein gesamtes Team, die Musiker im Basecamp, Karl-Heinz Duda, der mit seiner Gitarre immer auf der Strecke unterwegs war und uns Läufer mit seinen Liedern motivierte, das DRK. Die Verpflegung war einmalig, wie versprochen ein XXL-Büfett und für mich einfach klasse, eine extra vegane Seite mit vielen leckeren Köstlichkeiten. Es hat uns an wirklich nichts gefehlt.


Der Veranstalter des Ultra Race Romania hat zum virtuellen Etappenlauf aufgerufen. Ob der „echte“ lauf im August stattfinden kann, ist noch nicht sicher.

Beim „Ultra Race Romania Lockdown Edition“ waren in sechs Etappen 70 Kilometer zu laufen, die Etappenlängen waren vorgegeben: 10 km, 12 km, 11 km, 20 km, 9 km und 8 km.

Bei dem Rennen waren ca. 400 Läufer aus der ganzen Welt am Start, darunter viele Lauffreunde vom letzten Jahr dabei, mit denen ich in Australien durch das Outback bei „The Track“ gelaufen bin. So war es schön, wenigstens in Gedanken mit ihnen verbunden am Start zu stehen.

Die 6 Tage waren hart, für die meisten Teilnehmer. Es waren nicht die Distanzen, sondern die Geschwindigkeit. Normalerweise laufe ich lang und langsam. Hier hieß es sechs Tage ans Limit gehen, das Gefühl eines Wettkampfes war da. Die Zeiten wurden täglich per App an den Veranstalter gemeldet und so konnte man am nächsten Tag die aktuelle Platzierung sehen. Über die Social Media waren wir vernetzt und so erhielt man täglich Einblick in die Laufstrecken der anderen Teilnehmer. Wir hier in Deutschland können uns glücklich schätzen, dass wir ohne große Einschränkungen in der Natur laufen dürfen. Viele Teilnehmer konnten nur auf dem Laufband, in der Wohnung, Garten, Balkon oder im Umkreis von 1 km die Strecken bewältigen.

Am Ende habe ich für die 70 km 6 Stunden, 36 Minuten und 30 Sekunden gebraucht. Ich war zufrieden und die Tage waren eine tolle Trainingseinheit für die Grundschnelligkeit.

Mit unseren Startgebühren von zehn Euro haben wir auch einen guten Zweck unterstützt. Die Hälfte der Startgebühren wurden für Therapiestunden für Kinder mit Autismus in Rumänien gespendet. Insgesamt können sich die Kinder über 144 Stunden freuen.



TransAlpineRun 2019

Normalerweise müsste ich im siebenten Himmel schweben, ich habe gemeinsam mit Gunnar Schwan den TransAlpineRun 2019 gefinisht, zwar langsam so wie es sich für Weinbergschnecken gehört, aber gefinisht. In acht Tagen ca. 277 km und 16.150 HM im Aufstieg von Oberstdorf nach Sulden. Von 600 Startern sind rund 100 nicht komplett ins Ziel gekommen. Und trotzdem schwebe ich nicht. Nur allmählich, wenn ich mir die Bilder und Videos anschaue, kommt Freude auf. Auf Grund meines Tattoos wurde ich oft bezüglich Australiens angesprochen und gefragt, was einfacher wäre. Da gab es für mich nur eine Antwort, Australien natürlich. Das war auch anstrengend, ich habe auch jeden Tag das Outback angeschrien und trotzdem war es anders. Ich hatte im Ziel sofort alle Anstrengungen vergessen, nur die schönen Momente, die einmalige Landschaft im Kopf und ich war unsagbar stolz und dankbar für das Erreichte. Und ausgerechnet jetzt, wo ich beginne zu schreiben, kommt die aktuelle Running auf den Markt, mit dem Bericht von Andrea Löw über „The Track“ und einem Foto gemeinsam mit mir. Ich vermisse diese kleine Familie und das gesamte Drumherum so sehr. Auch PielGabriekel hat diese Woche mich als Teilnehmerin mit der letzten Startnummer 44 vorgestellt. Diese Erinnerung ist so einmalig und überschattet momentan noch immer alles.

Mein Training nach Australien für den TAR musste leider eher gering ausfallen. Immer wieder hatte ich Probleme mit der Achillessehne. Das Laufen viel mir schwer. Ich hatte wirklich das Gefühl, über die Strecken zu schleichen bzw. tat es auch. An jeden kleinen Anstieg kam ich eigentlich außer Puste und die Sehne zwickte. Christian Gertel hatte es nicht einfach, den Plan auf mich und meinen aktuellen Zustand abzustimmen. Nur zum Nachtlauf lief es mal richtig gut, für mich verhältnismäßig schnell und ohne Probleme. So schöpfte ich wieder Hoffnung, über die Alpen zu kommen. Ich wusste, dass ich eine gute Grundlage und einen starken Kopf habe, das musste reichen und die Sehne halten.

Und so reisten wir gemeinsam mit Mathias Klemm, Swen Smigaj, Anne Skomski und Thomas Drechsler in Oberstdorf an. Ganz lieben Dank hier noch einmal an Mathias für die Mitfahrgelegenheit. Angekommen bei herrlichem Wetter, die Freude auf die Berge wuchs, die Startunterlagen geholt, die restlichen Dresdener und Sachsen begrüßt und schon ging es in unser Hotel in Oberstdorf. Wir hatten die Luxusvariante mit Sommerkind Trailrunning Tours gewählt und so wurden wir täglich zum Start bzw. zurück vom Ziel ins Hotel gefahren. Gerade der Rücktransport war sehr komfortabel, wir sind mitunter wirklich total durchgefroren und durchnässt direkt ins Auto und zum Hotel. Die Koffer standen auf dem Zimmer genau wie täglich Wasser, für mich Mandel- oder Hafermilch fürs Frühstück (es wurde auf alle Verträglichkeiten und Sonderwünsche beim Essen eingegangen), Obst und was Kleines zum Naschen. Noch im Auto vereinbarten wir die Termine für die Massage, welche im Reisepreis inbegriffen war. Auch zur Pastaparty konnten wir gefahren werden, wenn wir es gewünscht haben. Im Startbereich stand immer jemand, dem man noch kurz vorher eine Jacke in Hand drücken konnte. Das alles war wirklich Luxus und ich habe die höhere Geldausgabe absolut nicht bereut. Ganz lieben Dank an Till Schneemann, Carmel TrailTurtle Hild, Daniel, Elke Weisener und Astrid!

Am Samstag ging es dann endlich los. Allerdings war ich nicht wirklich aufgeregt, ich freute mich nur auf die Berge. Auch in Australien war ich nicht aufgeregt, sondern voller Freude und trotzdem war es anders. Es erklang das legendäre „Highway to hell“ und alle schossen los. Mir wäre das einfache, ruhigere „ Are you Crazy? Are you Happy?” bedeutend lieber gewesen. Bei Sonnenschein gestartet sind wir von Oberstdorf ca. 39 km und 2343 HM im Aufstieg und 1714 HM im Abstieg nach Lech am Arlberg gelaufen. Die Landschaft traumhaft, nur leider hat uns hier bereits zum Ende des Laufes das erste Mal der Regen erwischt und so sind wir ziemlich schnell ins Hotel gefahren.

 

Der zweite Tag von Lech nach St. Anton am Arlberg über 28 km und 1787 HM im Aufstieg und 1919 HM im Abstieg war im Prinzip traumhaft, wenn uns nicht die CutOff-Zeiten so wie auch schon am ersten Tag im Genick gesteckt hätten. Das Wetter war traumhaft, die Landschaft einmalig und obwohl wir mehr Höhenmeter im Abstieg als im Anstieg absolviert haben, hatten es die Ansteige in sich, steil, steiler am steilsten und das bei praller Sonne. Zu allen Überfluss mussten wir uns oft, wie eigentlich an allen anderen Tagen auch, in der Schlange einreihen, um an einigen Stellen den Berg nach oben zu kommen. Das hat uns dann viel Zeit gekostet und man konnte nie sein eigenes Tempo gehen. Das kostet dann doppelte Kraft. Das von den Streckenposten prophezeite Gewitter blieb glücklicherweise aus und so sind wir bei Sonne im Ziel angekommen.

Am Tag drei ging es dann in 39 km und 1981 HM im Aufstieg und 2481 Hm im Abstieg nach Landeck. Das war dann auch der erste Tag, wo der Kopf viel zu tun hatte. Es war nass, schlammig und ich hätte eigentlich lieber Pilze sammeln wollen. Ich habe gemeckert, geflucht und Gunnar musste ziemlich viel aushalten. Ich war nicht wirklich nett zu ihm. Aber ich denke, dass war wirklich nur an dem einen Tag ziemlich schlimm. Ich wusste, er kann viel schneller, die CutOffs lagen mir (so wie alle anderen Tage auch) im Magen, ich fühlte mich schlapp, hatte eigentlich keine Lust mehr auf diese stundenlange Anstrengung und doch war der Wettkampfwille da. Ich wollte nicht letzte sein. In Australien war mir das egal, da haben mir ca. 3 Minuten zum Vorplatzierten gefehlt. Die Zeit, dir wir vorm Ziel für uns genommen haben. Na und, das war mir dort egal. Und hier schaute ich immer nur auf Zeit, Platzierung und setzte mich selber unter Stress und Druck. Jetzt im Nachhinein könnte ich mich so sehr darüber ärgern, ich konnte nur so wenig genießen.

Tag vier, die Königsetappe, bei herrlichem Wetter über 46 km und 2895 Hm im Aufstieg und 1868 HM im Abstieg nach Samnaun. Ich muss dazu sagen, ich kenne die Alpen so nicht, war noch nie in dieser Höhe unterwegs. Ich war beeindruckt, überwältigt. Der Anblick der Berge und über den Wolken zu stehen, traumhaft. Hier habe ich wirklich, trotz aller Anstrengung bewusst geschaut und genossen. Als wir an der Kölner Hütte angekommen sind und ich so vor mich hin gerufen habe: „Jetzt in die Sonne setzen, Kaffee trinken und Urlaub machen.“, hatte ich natürlich die Lacher der Urlauber auf meiner Seite. In Samnaun erwies sich dann der letzte Kilometer als fast 2 Kilometer, das ist dann wirklich hart für den Kopf. Und trotz aller Schönheit der Landschaft hat mir heute einiges ganz besonders gefehlt. Die so geliebten Kuhglocken haben mich immer an Ian Crafter erinnert. Immer wo er in Australien an der Strecke stand, hatte er mit der Glocke geläutet. Sein so „beautifully“ habe ich so sehr vermisst, genau wie das strong Women. Jérôme Lollier und Bruno Thomas unterwegs, uns genau kennend und immer gut im Blick. Sowie all die anderen Helfer. Es hat einfach gefehlt, all die Tage. Klar gab es auch Ärzte und auch der Streckenchef und Uta als Chefin sowie die vielen Helfer standen an der Strecke. Und trotzdem war es anders. Es ist eben ein großes Event und damit ist man eine Startnummer. Das wusste ich vorher und trotzdem war mir nicht klar, dass ich nach Australien so fühlen würde. Am Abend fand die Pastaparty auf der Bergstation Alp Trida statt. Mit der Seilbahn nach oben konnte man schon etwas erahnen, was uns am nächsten Tag zum Bergsprint erwartet, nur vorstellbar war es noch nicht so richtig.

Der Tag fünf dann über ca. 8 km und 834 HM im Aufstieg als Bergsprint bei herrlichstem Sonnenschein. Gestartet wurde in umgekehrter Reihenfolge, sprich die langsamsten zu erst. So kam man dann irgendwann in den Genuss, dass die schnellen Läufer an einem wirklich vorbei sprinten. Dadurch waren die Abstände zwischen dem ersten und letzten Zieleinlauf nicht so groß und alle konnten die Pastaparty auf dem Berg genießen. Der Nachmittag war dann wirklich wie Urlaub, in der Sonne sitzen, die Berge genießen und einfach mal Kaffee trinken und Eis essen.

Am Tag sechs sollte es dann mit 40 km 2275 Hm im Aufstieg und 2886 Hm im Abstieg auf eine Höhe von 2730m üN von Samnaun nach Scoul gehen. Ein Tag zum Abhaken und das erste Mal seitdem ich überhaupt laufe, denke ich wirklich über ein DNF nach und eigentlich wollten wir auch aussteigen. Das Wetter hatte komplett umgeschlagen, es war kühl und nebelig. Dazu kamen vom Start an Magenschmerzen, jeder Schritt schmerzte im Bauch. Zum ersten Mal bin ich wirklich als Letzte gelaufen und hatte somit direkt die Schlussläufer hinter mir. Anna Hughes und Ihre Partnerin waren aber so nett und hielten trotzdem genügend Abstand zu mir, ganz lieben Dank noch einmal dafür! Ihr macht einen harten Job und musstet bei all den Wetterbedingungen immer langsam hinter uns hertrotten mit dem Gewicht der Schilder und Bänder auf dem Rücken. Zum VP1 habe ich mich irgendwie dann durchgekämpft und ich wollte auf dem nächsten Stück entscheiden, was ich mache. Es wurde aber nicht besser. Das Gehen war immer schwerer, die Schmerzen stärker und der Nebel dichter. Es war niemand mehr zu sehen. Meine Motivation am Ende und eigentlich wollte ich nie unter solchen körperlichen Bedingungen laufen. Ich setzte Gunnar in Kenntnis, dass ich am VP2 aussteigen werde und bat ihn weiterzulaufen. Aber nein, das wollte er nicht. Wir sind ein Team und hören beide auf, machen einen Tag Pause und laufen dann die letzte Etappe gemeinsam. OK, das war der Plan. Innerlich wurde ich etwas ruhiger, auf einmal verschwand der Nebel und es kam beim Downhill die Sonne raus. Es waren wieder paar Läufer zu sehen die nicht so weit weg waren. Irgendwie kam der Kampfgeist wieder und mein Kopf begann zu arbeiten. Ich stellte mir Australien vor, hatte Ian´s Worte im Kopf, ich sei so stark und solle mir immer, wenn es mir schlecht geht, vorstellen, wie ich durchs Outback marschiert bin. Alle hatten mir dort Kraft gegeben und an mich geglaubt. Mit dem Mantra: „Ich sei stark und schaffe das“ bin ich weitergelaufen und hatte wieder Hoffnung, doch noch ins Ziel zu kommen. Am VP haben wir dann auch paar Läufer eingeholt, Anna schnell informiert, dass es doch weiter geht, kurz umarmt und weiter ging es. Die Schmerzen waren natürlich nicht weg, aber der Kopf war stark genug. Was dann kam, war hart, wirklich hart. Regen, Hagel, Kälte, Gewitter mitten im Berg, nichts um uns drumherum und ein nicht enden wollender Anstieg im Geröll. Irgendwie sind wir oben angekommen, aber bergab war es auch nicht mehr besser. Matsch wo man hintrat, querliegende Baumstämme…eine Rutschparty ohne Ende. So richtig durchgefroren, nass und komplett fertig sind wir aber angekommen und somit ging es weiter für uns am Tag sieben über 45 km 1698 HM im Aufstieg und 1989 Hm im Abstieg nach Prad. Wäre das Wetter nicht so unsagbar schlecht gewesen, wäre die Strecke wirklich toll und die Gegend einmalig. Im Neben und Regen konnte man die Schönheit der Uinaschlucht nur erahnen, aber so hatte es auch etwas mystisches. Oben angekommen schlug das Wetter um und aus Regen wurde kurzzeitig Schnee. Es war eisig kalt und so zogen wir dann in einer Hütte der Bergwacht die langen Hosen an. Wir liefen wir weiter durch Schneefelder, Schlamm und aus dem Schnee wurde dann wieder strömender Regen. Also sind wir wieder total durchgefroren, nass und verdreckt im Ziel angekommen. Aber es war ja nur noch ein Tag zu absolvieren.

Die Route am 8ten Tag wurde auf Grund von bereits liegendem Schnee und Neuschnee geändert auf 28 km und 2200 Hm im Aufstieg gekürzt. Mir hat das vollkommen gereicht und ich hätte keinen Meter und Höhenmeter mehr laufen wollen. Zum Glück hat es, bis wir im Ziel waren, nicht geregnet, nur ab und zu mal etwas genieselt. Die Wege waren allerdings trotzdem voller Schlamm. Kurz nach dem zweiten VP ging unsere Strecke doch tatsächlich komplett an unserem Hotel vorbei. Das war schon hart, man hätte so schön in die warme wohltuende Wanne springen können. Auch die Lautsprecher aus der Zielhalle waren schon zu hören. Aber wir hatten noch ca. 8 km und einen riesigen steilen Aufstieg vor uns. Ich habe die gesamte Strecke unter höllischen Schmerzen in der Achillessehne gekämpft, es war als wenn die Beine gleich durchbrechen. Irgendwann habe ich dann zur Schmerztablette gegriffen, die auch für eine Weile wirkte. Allerdings die letzten paar Kilometer waren die Schmerzen wieder da. Klar, so kurz vor dem Ziel hört man nicht auf. Aber unter solchen Bedingungen wollte ich mal nie laufen. Und da es mir wirklich die gesamte Zeit so schlecht ging, hat sich das so sehr in den Kopf eingebrannt, dass ich anfangs wirklich absolut keine schönen Erinnerungen an diesen Lauf hatte. Auch Gunnar hatte stark zu kämpfen, er hatte einen dicken Knöchel und auch Schmerzen. So haben wir für die 28 km eine Ewigkeit gebraucht, eigentlich unvorstellbar. Endlich kamen die letzten Kilometermarkierungen 5,4,3,2,1 und die letzten hundert Meter schossen dann nur noch die Tränen, die gesamte Anspannung sank…endlich war es vorbei und geschafft.

Die Radebeuler Weinbergschnecken haben den TAR gefinisht, nicht schnell aber im Ziel. Die Zielfotos von mir sprechen für sich. Auch am Abend zur Siegerehrung und Party war ich immer hin und her gerissen. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut und es mir immer wieder vorgestellt, die Videos aus den letzten Jahren immer wieder angeschaut. Und trotzdem war es anders. Ich habe mich riesig für Tell Wollert und Steven Günther gefreut sowie unser gesamtes Team aus Sachsen. Aber für mich persönlich konnte ich mich nicht so richtig freuen, ich war nicht stolz, habe mich eigentlich eher für die langsame Zeit geschämt. Und dabei habe ich die letzten Jahre so daran gearbeitet, mich nicht mehr unter diesen Druck zu stellen. Als ich meinen ersten Ultra am Rennsteig gelaufen bin, hatte ich nichts gepostet, da ich mich geschämt habe, Ewigkeiten später nach allen anderen Bekannten im Ziel angekommen zu sein. Und genau dieses Gefühl hatte ich wieder und dazu der Ärger wegen den Schmerzen und Tabletten. Irgendwann habe ich mich dann von der Tanzfläche zurückgezogen, mir war alles zu viel, zu laut…wie gerne hätte ich irgendwo im Outback unter dem Sternenhimmel gesessen.

Dieses Jahr ist für mich nun eigentlich abgelaufen, der Körper braucht seine Ruhe und ich werde nur nach Lust und Laune an Wettkämpfen teilnehmen. Ich bin unsagbar dankbar, dass das Jahr insgesamt so gut gelaufen ist und mein Körper fast bis zum Schluss ausgehalten hat.
Und so will ich an dieser Stelle noch einmal ein ganz großes Dankeschön an Christian und die Laufszene Dresden für die Unterstützung und das großartige Training aussprechen. Verpflegt habe ich mich auf allen Touren sowie im Training mit Tailwind und habe mich damit rundum versorgt gefühlt.



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Torhäuser Großer Garten
Mittwoch, 12. Mai 2021
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