Heißes Marathon-Abenteuer am Kap der Guten Hoffnung

Kapstadt ist ein wahres Läuferparadies. Das konnte ich in den vergangenen Jahren ausgiebig testen. Schließlich ist unsere Tochter Constanze nach dem Studium dorthin gezogen, hat ihren Mann kennengelernt und – unser größtes Glück – unseren Enkel Milo zur Welt gebracht. Also bin ich mit meiner Frau oft zum Kap der Guten Hoffnung geflogen. Es gab kaum einen Tag, an dem ich nicht wenigstens für ein Stündchen die Laufschuhe anzog und die Umgebung erkundete. Die dortigen Laufstrecken sind einfach traumhaft. Möglichkeiten gibt es viele: Auf der Tafelberg Road um den berühmten Aussichtspunkt laufen und den Panoramablick hinab auf die Kap-Metropole genießen oder direkt auf der Küstenstraße unter Palmen läuferisch die Seele baumeln lassen.

Für einen Läufer gibt es in Kapstadt ein Muss – den Two Oceans Marathon. Weltweit soll es der schönste Marathon sein, so zumindest die Organisatoren. Die 56-Kilometer-Distanz führt rings um das Tafelberg-Massiv von Kapstadt zum Indischen Ozean, dann weiter auf die andere Seite der Kaphalbinsel zur Traumkulisse des legendären Aussichtspunktes Chapmans Peak am Atlantik und letztlich zurück nach Kapstadt. Zweimal habe ich seit 2011 diesen Ultra schon gemeistert und zudem den „normalen“ Peninsula-Marathon über 42,2 Kilometer von Kapstadt bis fast zum Kap.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Denn wir wollen den Jahresauftakt am Kap verbringen. Mitten im dortigen Hochsommer gibt es jedoch keinen Marathon. Also habe ich ihn für mich selbst organisiert. Warum nicht mal den „Two Oceans“ verkehrt herum nur mal für mich laufen und die Landschaft genießen? Gefragt, getan. Also geht’s dieses Mal vom Atlantik zum Indischen Ozean. Allerdings will ich es ruhiger als beim Marathon angehen lassen, der schon morgens um sechs startet. Ich trabe erst nach dem Frühstück los, als die Sonne das Thermometer schon auf 25 Grad getrieben hat. Von unserer Pension am Fuße des Tafelbergs aus muss ich zuerst einen Kanten bezwingen. Im lockeren Laufschritt geht es auf der Passstraße hinauf auf knapp 400 Meter. Links neben mir das über 1.000 Meter hohe Plateau des Tafelbergs, rechts der spitze Kegel des Lions Head. Doch jetzt kommt erst mal wieder der schöne Teil. Denn direkt vor mir liegt der Kapstädter Nobel-Badeort Camps Bay mit seinen herrlichen Stränden. Auf dem Camps Bay Driver laufe ich locker den Berg hinab und kann dabei die Aussicht genießen.

Weiter geht es über die Küstenstraße Victoria Road südwärts. Ausflügler brausen vorbei. Doch der Randstreifen neben der Leitplanke ist so breit, dass ich genügend Platz habe. Halb zwölf. Die Sonne strebt mittlerweile ihrem Zenit entgegen. Ich gönne mir erst einmal einige Schlucke aus einer meiner Trinkgürtel-Flaschen, bevor es wieder bergauf geht. Die Küstenstraße schlängelt sich am Fels bis auf 300 Meter hinauf. Hier bin ich schon oft gelaufen, kenne jede Bucht. Ein Cabrio donnert vorbei, die Beifahrerin winkt lachend. Solche Momente bauen auf. Einen Kilometer weiter wird gebaut. Ich lasse es mir nicht nehmen, gleich mal ein Erinnerungsfoto mit dem netten Absperrposten zu schießen. Das ist eben der Vorteil so eines Privat-Marathons, bei dem ich nicht so getrieben bin. Auch dieser Pass ist geschafft. Wieder kann ich in den gemütlichen Bergab-Modus schalten.

Welcome to „Republic“ of Hout Bay, empfängt mich eine große Tafel im nächsten Küstenort. Hier beginnt der schönste Teil der Strecke auf der mautpflichtigen Panoramastraße Chapmans Peak Drive. An der Mautstation habe ich einen klaren Vorteil: Als Fußgänger zahle ich nichts. Dafür darf ich jetzt etwa sechs Kilometer entlang der Serpentinen traben, die bis auf den über 500 Meter hohen Chapmans Point hinauf führen. Zum Glück habe ich in Hout Bay noch einmal Wasser-Nachschub geholt. Denn mittlerweile ist es schon über 30 Grad heiß, zeigt meine Laufuhr.

Geschafft. Der Aussichtpunkt ist erreicht. Hier genieße ich erst einmal den Ausblick auf die türkisblaue Bucht, umrahmt von Gipfeln und dem weißen Strand von Hout Bay. Soviel Zeit muss sein.

Allerdings erwartet mich eine Überraschung, als ich wieder aufbreche. Denn der zweite Teil der Panoramastrecke, der bergab führt, ist eigentlich für Fußgänger gesperrt. Beim Two Oceans Marathon gehört die Straße nur den Läufern. Weshalb ich das nicht mitbekommen konnte. Doch am Indischen Ozean wartet meine Familie. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als hier kurzzeitig den Verkehrssünder zu spielen. Das Risiko ist überschaubar. An diesem heißen Tag kommt nur ab und zu ein Auto vorbei. Ich laufe ganz vorsichtig auf dem schmalen Randstreifen direkt neben der Leitplanke. Da hier Linksverkehr ist, kann ich die Entgegenkommenden direkt neben mir gut erkennen. Unten empfängt mich wieder eine überwältigende Aussicht auf den Hunderte Meter breiten Strand von Nordhoek.

Mittlerweile werden die Kilometer länger und länger, die Beine schwerer. Das Tal von Sun Valley macht seinem Namen alle Ehre. Kilometer 35. Die Erlösung naht. Am Abzweig zum Indischen Ozean steht ein Einkaufstempel, in dem ich mir eine Anderthalb-Liter-Flasche Wasser hole. Die brauche ich auch für die letzte Etappe. Quer über die Kaphalbinsel trabe ich nach Fish Hoek. Die Straße geht langsam bergab. Auf dem Fußweg geht’s vorbei an netten kleinen Siedlungshäusern. Das Ortseingangsschild. Eine Kurve, dann die nächste. Ich stehe an der Kreuzung, die ich vom Two Oceans Marathon schon laufend kenne – allerdings aus der Gegenrichtung. Ich habe es geschafft. Mir zu Füßen liegt die Bucht von Fish Hoek am Indischen Ozean. Ich greife zum Handy, meine Familie wartet am Parkplatz schon auf mich. Glücklich falle ich meiner Frau Karin in die Arme, auch wenn die Beine schwer sind. Was gibt es Schöneres?

Peter Hilbert

Peter Hilbert

  

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